Die Feuerschale der Reinigung: eine Kurzgeschichte aus Feuer und Flamme für Alexander

Sollte nach Feuer und Flamme für Alexander gelesen werden

Kapitel 1

Kincaid

Ich kam mit Blaulicht und Sirene die Auffahrt zu unserem Haus entlanggefahren. Lennons Anruf klang zwar nicht gerade dringlich, aber ich wusste, dass die Kombination aus meinem Schatz und jeder Art von offenem Feuer gefährlich war.

Dies war nicht mein erster Tanz mit dem Feuer, wie Alex immer zu sagen pflegte.

Und tatsächlich, in unserem Vorgarten schlugen orangefarbene Flammen bereits hoch in den sich verdunkelnden Sommerhimmel.

„Verdammt, Firebug!“, rief ich, schnappte mir meinen allgegenwärtigen Mini-Feuerlöscher und stieß die Tür meines Pick-ups auf.

Heute war der zweite Jahrestag meines ersten Tages als Feuerwehr-Chief von Legacy, was dazu geführt hatte, dass mein Team mich zu Franks auf Burger und Bier eingeladen hatte. Wenn ich nach der Arbeit nicht mit ihnen hingegangen wäre, dann hätte ich das hier vielleicht verhindern können.

Als ich mich den Flammen näherte, bemerkte ich, dass Alex bei seinem neuen brennenden Abenteuer von seiner üblichen Komplizin unterstützt wurde. Ella gackerte sozusagen um die große Stahlfeuerschale herum wie die Hauptdarstellerin in einem Hexenfilm.

„Was zum Teufel treibst du da?“, bellte ich. „Wir haben das doch besprochen. Feuer dürfen nur einen halben Meter in die Höhe reichen, besser weniger.“

Alex blinzelte mich an, dann grinste er breit. „Hey. Ich dachte, du wolltest mit deinen Leuten Jahrestag feiern.“

„Babe, was zum Teufel verbrennst du da gerade?“

Er deutete mit beiden Händen in einer theatralischen Geste auf das Feuer. „Irgendein Flittchen hat dir ihr Höschen zugeschickt!“

Ich schaute auf die hohen Flammen, die mir die Sicht auf unser neues Blockhaus versperrten, das Alex und ich in monatelanger Planung entworfen und dann gebaut hatten. „So eine Flammensäule entsteht nicht durch die Unterhose von jemandem, Babe.“

„Da waren vielleicht noch einige andere Dinge“, gestand Alex. „Da war noch der Karton, in dem sie geliefert wurden, und die ganze Verpackung.“

„Versuch das besser noch einmal“, verlangte ich und behielt die Flammen unentwegt im Auge. Im Moment war alles noch in der riesigen Feuerschale, aber da gerade eine gewisse Waldbrandgefahr herrschte, würde schon ein einziger Funke ausreichen, um die umliegenden Gräser in Brand zu setzen.

Alex‘ begeisterte Miene verwandelte sich langsam in eine schuldbewusste. „Nun, ich habe auch den gerahmten Druck von Amsterdam, den Jett uns zu Weihnachten geschenkt hat, verbrannt. Und dann habe ich auch den Stapel Postkarten hineingeworfen, die für den Slingshot Showdown falsch gedruckt wurden. Oh! Und ich habe auch die Brandschutzbroschüren genommen, weil sie einfach dumm sind, und …“

„Herrgott, Scheiße“, knurrte ich. „Wie kannst du hier nur so ruhig stehen, während eine hohe Waldbrandgefahr herrscht, mit einem illegal großen Feuer in unserem Vorgarten, und mir dann noch erzählen, dass du auch die Brandschutzbroschüren …“

„Erzähl ihm von dem Hausmantel“, forderte Ella mit einem bösen Grinsen.

Alex fuchtelte mit einer Hand herum. „Deine Verehrerin hat dir auch einen Hausmantel geschickt, der wohl eher zu einer alten Dame passt.“

Ich blinzelte ihn an, als das Wort „Hausmantel“ eine Erinnerung in mir auslöste. „Warte. Hatte der Hausmantel vielleicht ein Leopardenmuster?“

Seine Stirn legte sich in Falten, bevor er seine Augen weit aufriss und mit einem vorwurfsvollen Finger auf mich zeigte. „WOHER WEISST DU VON DIESEM HAUSMANTEL?“

Und da wurde mir erst klar, dass er getrunken hatte. Mein Liebster war hinreißend beschwipst und verbrannte irgendwelches Zeug in unserem Vorgarten.

Schon wieder.

Es war irgendwie niedlich, dass er wenigstens daran gedacht hatte, die Feuerschale zu benutzen, die ich aus genau diesem Grund hier hatte aufstellen lassen. Nach seiner und Ellas epischer „Reinige deine Seele mit Feuer“-Aktion, hatte ich zu drastischen Maßnahmen greifen müssen. Zum Glück war ich kurz danach beim Lost-Moose-Campingplatz und hatte dort die großen Feuerschalen gesehen. Sobald ich sie erblickt hatte, wusste ich sofort, dass wir genau so eine für Alex‘ und Ellas zukünftige „Reinigungen“ brauchten.

„Irgendetwas fehlt noch“, murmelte Ella.

Alex zeigte auf die Flammen, die endlich begannen, kleiner zu werden. „Sieh dir nur diesen gottverlassenen Müll an, den du mir verschafft hast.“

„Das ist es“, triumphierte Ella mit einem Lächeln der Zufriedenheit. „Du schuldest mir noch einen Shot. Und was ist mit deinen Gedichten, Alex? Eine Schande, die jetzt nicht zu hören. Versuch doch mal, Mean von Speak Now zu rezitieren. Da ist von Wildfire die Rede, verdammt. Könnte hier ja nicht passender sein.“

„Ich weiß von dem Hausmantel, weil ich oft genug bei Maureen Kitson zu Hause war und gesehen habe, wie sie ihn dort trägt. Babe, du weißt doch, dass ist das typische Kitsonische Balzverhalten.“

Alex öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, und schloss ihn dann wieder. Schließlich schnaufte er überrascht auf und runzelte die Stirn. „Ach, verdammt.“

„Du warst doch derjenige, der mich ursprünglich vor diesem alten Vogel und ihrem Balzverhalten gewarnt hat, dass ich in die Klauen der Kitson geraten wäre. Hat die Tatsache, dass ausgerechnet ihr auffälliger Hausmantel in dem Paket war, nicht ausgereicht, um dir das zusammenzureimen?“

Ella zuckte lediglich mit den Schultern und griff dann nach einem Becher, den ich unter einer Bank in der Nähe noch gar nicht bemerkt hatte. „Nein, wir hatten da schon eine Flasche Jack geleert, als das Paket hier auftauchte. Außerdem mussten wir ja sowieso Codys Lieblingshemd und seine beschissenen Wollsocken verbrennen. Auch wenn die Scheißdinger nicht wirklich brennen wollen.“ Sie nahm einen langen Ast von der Bank und stocherte in den verkohlten Resten in der Feuerschale herum. Und tatsächlich, am Boden war ein Paar Socken zu erkennen.

Ich stieß einen Seufzer aus, als ich das mir vertraute Logo erkannte. „Das sind Nomex-Socken, Ella. Die kosten etwa fünfzig Mäuse pro Paar.“

„Ist mir egal. Ich werde sie stattdessen wohl schreddern müssen.“

„Die sind mit Kevlar verstärkt. Vielleicht gibst du sie mir einfach, damit ich sie ihm zurückbringen kann.“ Ich musterte sie. „Ich dachte, zwischen dir und Cody läuft es gut. Was ist passiert?“

Sie schwenkte ihren Becher durch die noch rauchige Luft. „Er will bei mir einziehen.“

Alex rückte näher an mich heran und ignorierte die Worte seiner Schwester vollkommen. „Mrs. Kitson ist zwar eine tolle Bibliothekarin, aber vielleicht hat sie zu viele Rettungsdienstliebesromane gelesen“, murmelte er, bevor er sich an mich lehnte und seine Arme um mich legte.

Er roch nach Rauch, aber auch vertraut.

„Hey, Firebug“, murmelte ich und beugte mich hinunter, um seine Lippen zu küssen. „Danke, dass du dieses Mal die Schale für deine Feuerreinigungszeremonie benutzt hast.“

„So bin ich eben, ich unterbinde immer potenzielle Brandgefahren“, meinte er.

Ich schnaubte und schlang meine Arme um ihn. „Schon klar. So bist du. Alles im Dienste des Brandschutzes.“

„Was? So bin ich wirklich. War nicht ich derjenige, der beschlossen hat, eine Sprinkleranlage im neuen Haus zu installieren?“

Ella hörte auf, in der Feuerschale zu stochern, und warf den Ast hinein. Dann begoss sie ihn mit dem, was sich noch in ihrem Becher befand, und die Flammen wurden wieder größer.

Ich konzentrierte mich auf Alex. „Ich glaube mich daran zu erinnern, dass diese Entscheidung von uns gemeinsam getroffen wurde, nachdem der Architekt erwähnt hatte, wie viel wir dadurch bei unserer Hausversicherung sparen würden.“

„Das auch.“ Er kuschelte sich an meine Brust. „In dem Brief deiner heimlichen Verehrerin stand, du hättest sie in der Stadt beobachtet.“

„Ich habe mir ein Buch über den Bau eines Pizzaofens für den Garten angesehen“, erklärte ich ihm. „Darin stand aber keine richtige Anleitung. Also musste ich mir ein anderes besorgen. Vielleicht dachte sie, weil ich so oft in der Bibliothek war, dass ich …“

„Oh, mein Gott, das ist so süß!“, krächzte Alex. „Du willst mir einen Pizzaofen bauen?“

„Er hat schon einen, weißt du“, murmelte Ella und schenkte dem Feuer noch einen weiteren Schluck von ihrem Getränk. „Und wer zum Teufel will zu Hause Pizza machen, wenn man sie den ganzen Tag schon auf der Arbeit gemacht hat? Aber okay, ich schätze, das ist süß.“ Ihr Augenrollen zeigte, dass sie das sarkastisch meinte.

Ich sah ihr in die Augen. „Erzähl mir mehr von Cody. Warum willst du nicht, dass er bei dir einzieht? Du liebst ihn doch. Und er ist bis über beide Ohren in dich verliebt.“

„Ja, gut.“

Alex grinste sie an. „Erzähl ihm den Rest.“

Sie wandte den Kopf ab und schniefte. Als sie nichts weiter dazu sagte, wandte sich Alex an mich. „Sie hat auch ihre ganzen Antibabypillen verbrannt.“

Ich trat einen Schritt vom Rauch zurück und zog Alex mit mir. „Danke für diese hormonellen Rauchschwaden, Ella“, sagte ich trocken. „Ich habe wirklich einen Schuss Östrogen gebraucht.“

Sie rollte wieder mit den Augen. „Das waren keine echten Antibabypillen, keine Sorge.“

Alex zog sich von mir zurück und vollführte einen kleinen Freudentanz. „Ella kriegt ein Baby! Ich werde Onkel!“

Ich warf einen Blick auf das betrunkene Duo vor mir, bevor ich meine Augenbraue in Richtung der Flasche Jack Daniels hochzog, mit dem sie gerade ihren Becher nachfüllte. „Stimmt das?“

„Kühl dein Feuer ab, Chief“, erwiderte sie. „Noch nicht. Er hat aber kürzlich gesagt, dass er eine Familie gründen will. Ich habe ihm erklärt, dass unser Leben dann ruiniert wäre. Keine sexy Dinge mehr wie … wie … so was halt. Und so habe ich eben sein Lieblingshemd verbrannt. Und auch seine Arbeitssocken. Weil dann kann er nicht mehr Ausgehen und seine Karriere bekommt auch einen Knacks … übrigens erzähle ich dir das als mein Schwager, nicht als sein Boss. Also so etwas wie Feuerwehr-Chief-plus-Schwager-Vertraulichkeit oder so.“

Ich nickte feierlich, als ob ich damit bestätigen wollte, dass es so etwas tatsächlich gab. Cody McMasters war ein fantastischer Feuerwehrmann. Dass er Vater werden wollte, würde nichts an meiner Meinung über ihn in meinem Team ändern.

Alex fand einen weiteren Ast und stocherte damit im Feuer herum. „Sie hat auch ihre Stilettos verbrannt. Aber das war mehr aus Verärgerung als wegen der Symbolik“, erklärte er. „Sie hat sich letztens den Knöchel verknackst, als sie sie getragen hat, also waren sie so etwas wie Persona non grata.“

„Verfluchte Stöckelschuhe“, murmelte sie. „Ketten des Patriarchats. Aber verdammt, wenn sie einen nicht auch so schick aussehen lassen würden.“

„Du wirst es also tun?“, fragte ich aufgeregt. „Du und Cody, ihr habt vor, eine Familie zu gründen?“

Alex und ich hatten bereits darüber gesprochen, dass wir uns gern als Pflegeeltern für ältere Kinder zur Verfügung stellen wollten. Wir waren gerade dabei, den nötigen Papierkram auszufüllen.

„Ja, aber du darfst niemandem davon erzählen“, verlangte sie. „Besonders nicht Dad. Er wird wie immer maßlos überschwänglich reagieren.“

„Ich korrigiere“, meinte Alex und rülpste ein wenig. „Du kommst mit seiner Reaktion nicht klar.“

„Das ist doch dasselbe. Du musst zugeben, dass er zu einem echten Albtraum mutieren wird.“

Ich zog Alex wieder in meine Arme und genoss die Wärme des Feuers, das wieder bis auf eine kleine Glut heruntergebrannt war. „Blue Marian als Großvater“, sagte ich grinsend. „Darauf ist wohl niemand vorbereitet.“

Ella sah plötzlich nüchterner aus als zuvor. „Ihr werdet doch für uns da sein, wenn wir das wirklich durchziehen, oder?“

Ich nickte und zog Ella zu einer Gruppenumarmung zu uns. „Natürlich werden wir für euch da sein. Wir sind deine Familie. Und eine Familie unterstützt sich gegenseitig in allen Lebenslagen. Zumindest erklärt ihr Marianer mir das immer wieder.“

Ella drehte sich zu mir und umklammerte mich fest, drückte ihr Gesicht in meinen Nacken und stieß einen kleinen, nervösen Schluchzer aus. Alex streichelte ihren Rücken, während ich sie festhielt.

Als ich so dastand, beide an mich gedrückt, etwas angetrunken und mit rauchiger Kleidung, erkannte ich die klare Wahrheit: Manchmal sieht Liebe weniger nach striktem Brandschutz aus, sondern vielmehr danach, dabei zuzusehen, wie die Menschen, ohne die man nicht leben kann, bei den Flammen tanzen.