Die Rettung des Heiratsantrags: eine Kurzgeschichte aus Die Rettung des Dr. Marian
Sollte nach Die Rettung des Dr. Marian gelesen werden
Kapitel 1
Tommy
Es begann alles mit dem Ring.
Nicht im Sinne eines Hallmark-Films, in dem ich zufällig einen Ring in einer Sockenschublade finde und unvermittelt in Tränen ausbreche. Nein, alles begann damit, dass Foster eines Morgens seinen Laptop in der Hütte offen stehen ließ und ich – ganz zufällig natürlich – darauf einen Tab mit dem Titel „Die romantischsten Orte für einen Heiratsantrag im Schnee“ entdeckte.
Von da an war es nicht schwer, die weiteren Puzzleteile richtig zusammenzusetzen. Zum einen hatte Ella mitbekommen, dass Foster ein Gespräch mit meinen Eltern gehabt hatte. Er hatte sie nicht um Erlaubnis gefragt, sondern hatte ihnen rundheraus erklärt, mir „irgendwann in der Weihnachtszeit“ einen Heiratsantrag zu machen. Dann ließ Ella eine Bemerkung darüber fallen, dass ein Paket mit „sehr glitzerndem Inhalt“ in Legacy eingetroffen sei. Hazel riss einen Witz darüber, dass sie Erste Hilfe lernen müsse, „weil bestimmt bald jemand hier ohnmächtig wird“. Und Chickie, die von allen schlechteste Hüterin eines Geheimnisses, winselte vor dem Nachttisch herum, als wüsste sie, dass dort etwas Besonderes versteckt war.
Foster Blake hatte vor, mir einen Heiratsantrag zu machen.
Was an sich perfekt gewesen wäre … wenn er sich deswegen nicht selbst völlig verrückt gemacht hätte.
In den letzten zwei Wochen hatte ich mitangesehen, wie der Mann, den ich liebte, in einem Strudel aus Angst und Chaos gefangen wurde, vor sich hin murmelte, dass er „es unvergesslich machen“ wolle, zu jeder Tages- und Nachtzeit in einen der SERA-Geräteschuppen verschwand, um dort an einem streng geheimen Schreinerprojekt zu arbeiten, und sein Handy versteckte, sobald ich in die Nähe kam.
Und obwohl ich seine Bemühungen zu schätzen wusste – Gott, und wie ich sie zu schätzen wusste –, wusste ich auch, dass der Anspruch seines großen, romantischen Herzens zu einem perfekten Heiratsantrag führen würde, weil er dachte, dass er das tun musste. Weil er glaubte, dass ich „nur das Beste“ verdiente.
Deshalb beschloss ich zwei Nächte vor Weihnachten, besagten Ring zu stehlen und dadurch seine ganze Aktion zu kapern. Es war inzwischen genug, und dieser Stress riss meinen Lieblingsmenschen förmlich auseinander.
Echte Liebe sollte nicht so sein, und wenn Foster Blake nicht von allein begreifen konnte, dass mir sein Glück wichtiger war als irgendein großer Moment, nun ja … dann würde er das schon bald herausfinden.
Das Funkgerät in unserer Hütte krächzte.
„Basis an Blake. Wir haben Informationen über einen vermissten Wanderer am Devils Backbone. Zuletzt gesehen gegen neun Uhr beim Aufstieg über den Elk Fork Trail. Die Person wird als männlich, Mitte dreißig, allein unterwegs und möglicherweise verletzt beschrieben. Zeugen berichten von einer möglichen Sichtung in der Nähe der Geröllflanke. Bitte um Klärung, falls möglich, und nimm deinen Arzt mit, wenn es geht. Over.“
Foster blickte von seinem Laptop auf, den er strategisch von mir weggedreht hatte. „Was zum Teufel? Es ist Heiligabend. Wer wandert denn heute allein auf den Devils Backbone?“
Ich zuckte mit den Schultern, während er nach dem Funkgerät griff. „Babe, nicht jeder hat eine Familie, mit der er diese Zeit verbringen kann. Außerdem ist das Wetter herrlich. Wer kann es ihm denn verübeln, dass er jetzt da draußen sein will?“
Foster drückte auf den Knopf des Funkgeräts. „Blake an Basis. Wir sind schon unterwegs.“
Wir beide schalteten mühelos in den Rettungsmodus um, packten schnell einige Dinge zusammen, überprüften noch einmal die wichtigste Ausrüstung und zogen uns mehrere Schichten schützende Kleidung gegen die Kälte an. Draußen war es zwar noch nicht so kalt, aber wir beide wussten, dass man im Winter in Montana nicht unvorbereitet in die Berge gehen sollte.
„Chickie, auf gehts“, rief ich, schnippte mit den Fingern und beugte mich hinunter, um ihr ihre Warnweste überzuziehen.
Innerhalb weniger Augenblicke waren wir in schnellem Tempo den Weg entlanggewandert, und die kalte Bergluft weckte mich aus meinem gemütlichen Nachmittag. Ich warf einen Blick auf Foster, der ganz in Gedanken versunken zu sein schien.
„Wenigstens musst du jetzt nicht zum Abendessen mit meiner Familie“, meinte ich.
„Ich hatte Pläne für dieses Abendessen“, murmelte er.
Und die hatte er. Er hatte vor, mir vor allen Leuten einen Heiratsantrag zu machen, weil er dachte, er müsste ihnen etwas beweisen. Er dachte, er müsste alle davon überzeugen, dass er nicht nur ein Mann wie jeder andere war, sondern der Mensch, der mich am meisten liebte.
„Pläne, das Tilly-Trio unter den Tisch zu trinken? Babe, ich glaube, wir erinnern uns beide noch an das letzte Mal, als du das versucht hast.“
Foster musste unwillkürlich lachen. „Die haben geschummelt. Die haben sich im medizinischen Spa eine intravenöse Vitamintherapie geben lassen, bevor sie mich zu einem Trinkgelage herausgefordert haben. Ich verdiene einen zweiten Versuch unter fairen Bedingungen.“
Ich streckte meine Hand aus und verschränkte meine Finger mit seinen. Obwohl wir beide Handschuhe trugen, genoss ich es, wie sich seine Hand automatisch um meine legte.
„Als so etwas das letzte Mal passiert ist, hast du ihnen angeboten, dir ein Tattoo stechen zu lassen“, erinnerte ich ihn.
Seine Augen weiteten sich. „Verdammt, jetzt weiß ich, woher dein Onkel Teddy das Eichhörnchen-Tattoo hat!“
Ich zuckte mit den Schultern. „Das wurde aber nie bestätigt. Es ist eher so etwas wie eine Legende in unserer Familie.“
Zwei Wanderer näherten sich uns auf dem Weg. Wir blieben stehen und Foster erkundigte sich höflich, ob sie unseren vermissten Wanderer gesehen hätten. Die Frau runzelte nachdenklich die Stirn. „Nein. Wir haben heute niemanden gesehen. Tut mir leid.“
Wir bedankten uns und setzten unsere Wanderung fort, wobei wir uns regelmäßig bei Trace meldeten.
„Trace, gibt es etwas Neues von unserem vermissten Wanderer?“, fragte Foster.
„Unserem was?“ Trace klang etwas abgelenkt. „Ach, das. Äh, nein. Weitermachen.“
Foster warf mir einen Blick zu. „Das ist sonst nicht seine Art. Ich frage mich, ob etwas nicht stimmt.“
Ich schüttelte den Kopf. „Da ist bestimmt nichts, da bin ich mir sicher. Er ist immer ein wenig komisch während der Weihnachtszeit.“
„Kommt er heute Abend auch zu deiner Familienfeier?“
Ich schüttelte erneut den Kopf. „Nein. Wolfe wird dort sein.“
„Dein Cousin Wolfe? Was hat der denn mit Trace zu tun?“
„Keine Ahnung. Die beiden standen sich früher sehr nahe, aber dann ist Trace weggezogen und hat SERA gegründet. Seitdem scheint er immer abzutauchen, wenn Wolfe auch nur in der Nähe ist.“
„Also wird Trace Weihnachten allein verbringen?“ Foster schien darüber richtig bestürzt zu sein, und ich konnte ihm das nicht verübeln.
„Keine Sorge. Er und Nate Lewis verbringen normalerweise die Feiertage immer zusammen, wenn sie keine anderen Pläne haben. Eine Art Freundschaft mit gewissen Zusatzleistungen, glaube ich. Wer weiß das schon?“
„Ich kenne Nate nicht.“
Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, Foster alles zu berichten, was ich bisher über die Einheimischen erfahren hatte, die ich bei meinen Aushilfsschichten in der örtlichen Notaufnahme kennengelernt hatte. Er neckte mich damit, dass ich diese Schichten nur deswegen übernommen hatte, um mich mit dem ganzen Klatsch und Tratsch aus der Krankenstation zu vergnügen.
„Denk doch nur daran, wie viele schwule Männer es in Legacy gibt, mit denen du flirten kannst“, neckte ich ihn und erinnerte ihn wieder daran, dass seine Freunde in Majestic behauptet hatten, Foster sei sehr erpicht darauf, die Partner seiner Freunde eifersüchtig zu machen.
„Du gibst dieses Thema wirklich nicht auf, oder?“
„Deine Freunde und deine Familie haben mich vor dir gewarnt. Du bist ein wahrer Unruhestifter.“
Foster drehte sich zu mir um und sah mir direkt in die Augen. „Ich war eben eifersüchtig.“
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. „Eifersüchtig auf was?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort darauf bereits kannte.
Die Zeit schien auf einmal stillzustehen. Die Nachmittagssonne glitzerte auf dem frischen Schnee und verwandelte den Wald in ein silbrig-weißes Winterwunderland. Raureif haftete an den Kiefernnadeln, und unsere Bergstiefel knirschten leise auf dem festgetretenen Weg. Der Elk Fork Trail schlängelte sich entlang eines mit Granitbrocken übersäten Bergrückens Richtung Devils Backbone, einen zerklüfteten Felsgrat, der sich markant gegen den strahlend blauen Himmel abzeichnete. In der Stille dieser Wildnis kräuselten sich unserer Atemzüge wie ein unausgesprochenes Geheimnis in der kalten Luft. Die Zeit schien stillzustehen – nur wir, die Berge und eine Stille, die mehr als nur winterliche Ruhe ausstrahlte.
Foster blieb plötzlich stehen, packte mich und zog mich in einen innigen, leidenschaftlichen Kuss. So schnell wie es begonnen hatte, war es auch schon wieder vorbei, und wir setzten unsere Wanderung den Pfad entlang fort.
„Eifersüchtig, dass sie ihren besonderen Menschen gefunden haben“, fuhr er fort und suchte den Weg vor uns nach irgendwelchen Anzeichen unseres vermissten Wanderers ab. „Angst, dass ich selbst nie an der Reihe sein würde.“
Ich griff wieder nach seiner Hand, und er drückte meine, wie er es immer tat. Chickie sprang fröhlich vor uns den Wanderweg hinauf und schnüffelte ab und zu an den Wegrändern, wenn ihr etwas besonders interessant erschien.
„Ist es falsch von mir, dir jetzt zu sagen, dass ich froh bin, dass du noch nicht an der Reihe warst?“, fragte ich und beobachtete seine Reaktion.
Sein Gesicht wurde sanfter, als er mich ansah. „Du bist da nicht der Einzige, also … nein.“
Ich dachte an das Leben, das wir uns seit dem Sommer gemeinsam aufgebaut hatten, an die Entscheidung, vorerst gemeinsamen in unserer winzigen Hütte bei SERA wohnen zu bleiben, während wir unser eigenes Haus auf einem Grundstück meiner Familie gleich neben dem SERA-Campus bauten, an die Abende mit neuen Freunden und meiner Familie, an Foster, der sich bestens über deren Neckereien und Scherze amüsierte. An die Wanderungen und Abenteuer, die wir mit und ohne Chickie unternommen hatten, an die ganzen SERA-Übungen, die wir gemeinsam organisiert und durchgeführt hatten, und an die Programmerweiterungen, die wir mit Trace zwischen den Kursen besprochen hatten, darunter ein Fortgeschrittenenlehrgang, der für den nächsten Sommer geplant war.
„Bist du glücklich?“, fragte ich ihn nach ein paar weiteren Gehminuten auf dem Weg.
Er lachte. „Willst du mich auf den Arm nehmen, Dr. Marian?“
„Gibt es etwas, was ich tun kann, um dein Leben besser zu machen? Glücklicher?“
Er sah mich kurz an. „Oh, ja. Auf jeden Fall.“
Mir sackte das Herz in die Hose. Was, wenn er mir hier draußen, genau jetzt, einen Heiratsantrag machte? Was, wenn er diesen Moment ausnutzte?
Zum Glück war er zu professionell, um die Suche deswegen abzubrechen. Im Gegensatz zu mir.
Foster zwinkerte mir zu. „Wie wäre es, wenn ich dir mehr davon erzähle, nachdem wir unseren vermissten Wanderer gefunden haben? Klingt das gut? Ich hoffe, wir schaffen es noch rechtzeitig zurück zum Familienessen heute Abend, also beeilen wir uns besser ein wenig. Holen wir den Mann vom Berg und gehen wir dann nach Hause.“
Ich atmete tief aus und lächelte ihn an. „Klingt perfekt.“
Wahrscheinlich gab es irgendwo eine Regel, die besagte, wie unethisch es war, jemanden wegen eines angeblich vermissten Wanderers anzulügen, aber wenn es eine solche Regel gab, war ich bereit, deswegen ins Ethikgefängnis zu gehen, um den Mann meiner Träume endlich ehrbar zu machen und um zu verhindern, dass meine Familie Fosters Heiratsantrag ruinieren würde.
„Wie wäre es, wenn wir das hier ein wenig interessanter gestalten, im Sinne von Way und Silas?“, schlug ich vor und rannte los. „Der Letzte, der Devils Backbone erreicht, muss dem Gewinner einen Deep Throat geben!“
Sein Lachen hallte hinter mir, während ich schon auf den Weg zum Felsgrat war.
„Ist das eine Wette oder ein Versprechen, Doc?“
Kapitel 2
Foster
Meine Nerven lagen völlig blank, und jetzt würden wir auch noch zu spät kommen und alles war vermasselt. Nicht nur, dass ich einen exquisiten Heiratsantrag während des Weihnachtsessens mit seiner Familie geplant hatte, was möglicherweise die schlechteste Idee in der gesamten Geschichte aller Ideen war, sondern ich hatte auch noch den verdammten Ring verloren.
Als ich Tommy über das Geröllfeld zum Felsgrat hinauffolgte, dankbar für den neuen, sichereren Pfad, den SERA und einige Freiwillige vor ein paar Monaten angelegt hatten, nachdem die Auswirkungen der Gerölllawine analysiert und ein entsprechender Plan genehmigt worden waren, beobachtete ich, wie sich sein knackiger Hintern in seiner Wanderhose bewegte.
Und vielleicht gönnte ich mir dann auch einen oder zwei Momente, in denen ich daran dachte, wie ich nur wenige Stunden zuvor diesen Arsch gefickt hatte, nachdem ich nach einer verzweifelten Suche nach dem Ring in der Marian Lodge zurück zur Hütte gekommen war. Ich hatte ihn vor einer Woche dorthin mitgenommen, um Ella und Hazel nach ihrer Meinung zu fragen, aber ich hätte schwören können, dass ich ihn anschließend sicher in den Nachttisch zurückgelegt hatte, in das Batteriefach einer ausgedienten Stirnlampe. Er konnte ihn dort unmöglich gefunden haben.
Und jetzt hatte ich keine Zeit mehr, weiter danach zu suchen, bevor wir zum Abendessen erwartet wurden. Und wie ich Tilly kannte, würde sie alles ausplaudern, ganz egal, ob ich ihm schon einen Antrag gemacht hatte oder nicht. Verdammt, ich würde es auch Ella und Hazel zutrauen, alles zu verraten.
Ich wollte, dass alles perfekt war. Seit wir uns an jenem Tag in Majestic für uns entschieden hatten, wusste ich, dass Tommy und ich für immer zusammenbleiben würden. War das etwa zu früh? Auf keinen Fall. Ich hatte genug vom Warten und wusste, dass Tommy genauso empfand. In den letzten fünf Monaten hatten wir jede Menge Gelegenheiten gehabt, unsere Gefühle füreinander zu zeigen, und es war klar, dass wir beide für den nächsten Schritt bereit waren.
Tommy und ich wollten zusammen eine Familie gründen, gemeinsam etwas aufbauen, wonach wir uns beide schon so lange gesehnt hatten.
Und jetzt würde alles vermasselt werden, wenn wir diesen verdammten Wanderer nicht bald finden und wieder rechtzeitig nach Hause kommen würden, damit ich weiter nach dem Ring suchen konnte.
„Schau!“, rief ich, als ich Rauch aus einem mir wohlbekannten Schornstein aufsteigen sah. „Da ist jemand in der Hütte!“
Insgeheim klopfte ich mir auf die Schulter, dass ich im August von der anderen Seite des Berges hier hochgewandert war, um das Holz zu ersetzen, das wir verbraucht hatten. Tommy hatte eine Zertifizierungsprüfung mit unserer neuesten Studentengruppe beaufsichtigt, also hatte ich mein Team auf eine Lehrwanderung mitgenommen, um ihnen etwas über Überlebensunterkünfte und die wahrscheinlichsten Orte beizubringen, an denen man Verlorene und Verletzte suchen sollte.
Tommy wurde langsamer und streckte mir seine Hand entgegen, während Chickie losbellte und in Richtung Schutzhütte rannte. Ich atmete erleichtert aus. „Holen wir den Mann schnell vom Berg, damit wir uns noch umziehen und zur Lodge fahren können.“
„Hmm“, meinte Tommy. „Das eilt aber nicht wirklich, weißt du. Es gibt dort genug zu essen für mehrere Tage. Wir könnten doch einfach noch ein bisschen länger hierbleiben.“
Ich sah ihn verwirrt an. Wie konnten wir hier oben bleiben, wenn es unsere Aufgabe war, einen Mann in Sicherheit zu bringen?
„Geh du zuerst“, meinte Tommy und zögerte aus irgendeinem Grund vor der Tür der Hütte. Durch die Ritzen der rustikalen Holztür schimmerte ein flackerndes goldenes Licht, und um die Jagdhütte gab es viel zu viele Fußspuren im Schnee, als dass sie von einem einzigen Wanderer stammen konnten.
Ich sah ihn an und fragte mich, warum mein Bauchgefühl mir plötzlich sagte, dass hier etwas nicht stimmte. „Bleib besser ein wenig zurück“, verlangte ich mit leiser Stimme. „Geh nicht hinein, bevor ich überprüft habe, was da drinnen los ist.“
Tommy sah mich mit einem sanften, zärtlichen Ausdruck an. Das war das Gegenteil von Angst oder Nervosität. Und das passte überhaupt nicht zu der Situation, in der wir uns hier befanden.
Ich griff nach dem Bärenspray an meiner Hüfte, für den Fall, dass in der Hütte etwas nicht stimmte. Dann öffnete ich die Tür.
Der kleine Innenraum der Hütte war gemütlich, warm und von viel Kerzenlicht erhellt. In den Ecken des winzigen Raumes hingen Stechpalmenkränze und, eigentlich unmöglich, aus einem versteckten Lautsprecher erklang instrumentale Weihnachtsmusik. Im Ofen knisterte ein Feuer, und auf einem kleinen Campingtisch daneben stand eine Kühlbox mit zwei Weingläsern.
Der Duft von warmem Essen hüllte mich ein. Ich sah mich weiter um und erblickte ein hölzernes Bettgestell mit einer Matratze aus Schaumstoff, flauschigen Decken und Kissen.
Und an einem Haken neben der Tür hing eine mir sehr vertraute Stirnlampe.
Mein Blick huschte zu Tommy, der verdammt selbstzufrieden aussah.
„Was zum Teufel ist hier los?“, fragte ich. „Ich dachte, hier wäre unser vermisster Wanderer.“
Er hielt meinen Blick fest, während er sein Funkgerät an die Lippen hob und auf die Sprechtaste drückte. „Marian an Basis. Vermisster Wanderer wurde gefunden und in Sicherheit gebracht. Bitte um Hubschrauberbergung bei Tagesanbruch. Over.“
„Basis an Marian. Träum weiter. Wandert auf euren eigenen Füßen und passt auf euch auf. Viel Spaß euch beiden. Over.“
„Was ist denn mit unserem Wanderer passiert?“, fragte ich, während ich immer noch versuchte, mir einen Reim auf alles zu machen. „Männlich, Mitte dreißig, allein unterwegs und möglicherweise verletzt.“
Er nahm seinen Rucksack ab, legte das Funkgerät hinein und trat dann näher zu mir. „Du siehst ihn gerade.“
„Du bist der vermisste Wanderer? Du hast mich angelogen!“
Tommy schüttelte den Kopf. Es war schwer, ihm böse zu sein, wenn er mir so nahe war. Ich konnte sein verdammtes Zitrusshampoo riechen, das mich vor Verlangen immer ganz benommen machte, obwohl ich mittlerweile dasselbe benutzte. Der Duft von Schnee und Bergluft vermischte sich mit dem warmen, einladenden Geruch von Holzrauch. „Männlich, Mitte dreißig … nun ja, nicht ganz. Aber definitiv verletzt.“
„Du bist doch nicht verletzt“, widersprach ich und beäugte ihn vorsichtshalber gründlich. „Oder?“
Er riss mir förmlich die Handschuhe und die Jacke vom Leib, bevor er seine eigene auszog und alles in einer Ecke auf einen Haufen warf. „Doch. Ich bin deswegen verletzt, weil du dich in letzter Zeit so sehr gestresst hast.“
Ich suchte verzweifelt nach einer plausiblen Erklärung. „Ach, weißt du … die Arbeit. Und … dass ich zum ersten Mal nicht in Majestic bin, um die Feiertage dort zu verbringen. Und außerdem …“
Tommy beugte sich vor und küsste mich, seine Hände strichen mir durch die Haare, während er meinen Kopf genau im richtigen Winkel hielt, um den Kuss vertiefen zu können.
Als er sich zurückzog, raubte mir der Ausdruck der Verehrung in seinem Gesicht förmlich den Atem. „Ich möchte, dass du die Stirnlampe von der Wand nimmst und sie einschaltest.“
Ich legte meine Arme um ihn und lehnte meine Stirn an seine. „Woher wusstest du davon?“
Meine Finger schlichen sich unter den Saum seines T-Shirts, wie sie es immer taten, wenn ich diesen Mann in meinen Armen hielt. Warme Haut, die ich jetzt berühren konnte, wann immer ich wollte.
Tommys Hände wanderten über meine Brust. „Du bist wahrscheinlich der schlechteste Geheimnisträger der Welt. Außerdem kann meine Familie keine Geheimnisse bewahren, was du, ehrlich gesagt, mittlerweile wissen solltest.“
Ich stöhnte und verdrehte die Augen. „Tilly, schon wieder? Herrgott, Tom!“
Er lachte, was wahrscheinlich mein Lieblingsgeräusch geworden war, abgesehen von den Geräuschen, die er beim Sex von sich gab, oder sein gemurmeltes „Ich liebe dich“, wenn er schon halb eingeschlafen war. „Nein. Ella hat mitangehört, wie du es meinen Eltern erzählt hast, und dass du gemeint hast, du würdest sie nicht um Erlaubnis fragen.“
„Das ist doch schon Monate her!“, rief ich. „Verdammt! Und außerdem? Du hast recht, ich habe sie nicht um Erlaubnis gefragt. Denn die einzige Erlaubnis, die ich brauche, ist deine.“ Ich sah ihm in die Augen. „Und ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich riskieren sollte, zu fragen.“
Tommy warf einen Blick auf die Stirnlampe, die noch immer am Haken hing. „Warum nimmst du sie nicht einfach und schaust, was passiert?“
Als ich mich vorbeugte, um nach der Stirnlampe zu greifen, dachte ich daran, wie perfekt diese Hütte für meinen Heiratsantrag war, wie intim und gemütlich, wie privat. Und wie sentimental, da dies der Ort war, an dem wir uns zum ersten Mal unsere Liebe gestanden hatten.
„Wie schaffst du das nur immer wieder?“, flüsterte ich, während ich ihn auf das Bett setzte, damit ich vor ihm auf ein Knie gehen und seine wunderschönen Augen sehen konnte, die sich bereits mit Freudentränen füllten.
„Was denn? Dich in Jagdhütten zu bringen?“
„Mich zu retten.“
Er streckte die Hand aus und umfasste mein Gesicht. „Foster Blake, du warst es, der mich in jener Nacht vor fast einem Jahr gerettet hat. Und es ist mir eine Ehre, den Rest meines Lebens damit zu verbringen, dich zu retten.“
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter, holte tief Luft, bevor ich die Stirnlampe ergriff und den Ring herausschüttelte. Ich hielt ihn hoch, sodass das warme Licht vom Platin reflektiert wurde. „Du hast mich geküsst, als würdest du mich schon kennen, damals auf Hawaii. Als hättest du etwas in mir erkannt, von dem ich nicht einmal selbst wusste, dass es mir fehlte. Und dieser Kuss … hat mich verändert. Denn von diesem Moment an wünschte ich mir jedes Mal, wenn ich einen Bergrücken sah oder frische Kiefernnadeln roch oder den Wind auf meiner Haut spürte, dass du da wärst, um das mit mir zu erleben.
Dann bist du hier in Legacy aufgetaucht und hast mein Leben erneut auf den Kopf gestellt. Du weißt, wie sehr ich versucht habe, mich nicht in dich zu verlieben. Ich habe mir eingeredet, dass das nur vorübergehend sei. Dass ich dich nicht fest haben könnte, nicht für immer behalten könnte. Aber jeden Morgen, wenn ich neben dir aufwachte, jedes Mal, wenn du mich so ansahst, als wäre ich dir wichtig – das hat einfach alles für mich verändert.
Du hast mich schon unzählige Male gerettet. Vor Einsamkeit, vor Reue, vor dem Gedanken, dass ich meine Chance auf etwas Echtes verpasst hätte. Deshalb frage ich dich jetzt, Tommy Marian, willst du für immer bei mir bleiben? Willst du an meiner Seite sein, in den ruhigen Morgenstunden und bei unerwarteten Rettungseinsätzen, an gemütlichen Sonntagen und in familiärem Chaos … und in all den tausend kleinen Momenten dazwischen?
Denn ich will keine vorübergehende Beziehung mit dir. Ich will dich für immer. Thomas Marian, willst du mich heiraten?“
Tränen liefen ihm über das Gesicht. Ich streckte die Hand aus, um sie wegzuwischen, während er die Augen zusammenkniff.
„Ich liebe dich so sehr“, hauchte er. „Ja. Natürlich will ich dich heiraten. Ja.“
Ich lehnte mich zu ihm und küsste ihn sanft, nahm mir viel Zeit und achtete besonders darauf, dass er jede Faser meiner Liebe für ihn spürte.
Wir wurden natürlich von Chickie unterbrochen, die unbedingt wissen wollte, warum ihr Lieblingsmensch weinte und warum ich ihn nicht auf der Stelle tröstete.
Tommy lachte, während er sich auf die Decken fallen ließ, mir den Ring aus der Hand nahm und ihn sich ansteckte.
Nachdem ich ihm seine Stiefel ausgezogen, meine eigenen abgestreift und mich zu ihm auf das Bett gelegt hatte, um ihn immer weiter zu küssen, sah er mich mit funkelnden Augen an.
„Du weißt, dass du die Wette verloren hast, nicht wahr? Ich war zuerst am Devils Backbone.“
Ich sah ihm in die Augen und leckte mir bewusst über die Lippen, um ihm zu zeigen, dass es keine Strafe sein würde, die Wette verloren zu haben.
„Ich habe vor, diese Wette einzulösen, Dr. Marian.“
